Warum viele sich scheuen, den Pflichtteil zu verlangen

Verzichten Sie nicht auf Ihr Recht

Scham

Der Pflichtteil ist ein gesetzlich verankerter Anspruch, der nahe Angehörige davor schützt, vollständig enterbt zu werden. Dennoch zögern viele Betroffene, ihren Pflichtteilsanspruch tatsächlich geltend zu machen – selbst dann, wenn ihnen nach dem Gesetz eindeutig ein Anteil am Nachlass zusteht. Die Gründe dafür sind vielschichtig und haben nicht nur mit juristischen, sondern vor allem mit emotionalen und familiären Aspekten zu tun.

Pflichtteilsansprüche sind emotional belastend

Ein Todesfall ist immer ein sensibles Ereignis. Wenn kurz darauf rechtliche Schritte eingeleitet werden sollen, empfinden viele das als „unpassend“ oder „gefühllos“. Häufig hören wir Sätze wie:

  • „Ich möchte keinen Streit in der Familie auslösen.“
  • „Ich will nicht als gierig dastehen.“
  • „Das hätte der Verstorbene nicht gewollt.“

Dabei wird oft übersehen, dass der Pflichtteil kein „Kampf ums Erbe“ ist, sondern ein klar geregelter gesetzlicher Mindestanspruch, der die wirtschaftliche Absicherung naher Angehöriger schützt.

Angst vor familiären Konflikten

Der häufigste Grund für das Zögern ist die Sorge, den Familienfrieden zu gefährden. Besonders wenn Geschwister, Eltern oder andere enge Verwandte beteiligt sind, befürchten viele:

  • Zerwürfnisse innerhalb der Familie
  • aushandelbare Lösungen könnten scheitern
  • vorwurfsvolle Reaktionen oder Druck aus dem Umfeld

Oft wird der Pflichtteil fälschlicherweise als Zeichen von Misstrauen oder Undankbarkeit betrachtet – obwohl er schlicht das ist, was der Gesetzgeber vorgesehen hat.

Mangelndes Wissen über die eigenen Rechte

Viele Betroffene kennen ihre Rechte gar nicht oder sind unsicher, ob sie wirklich anspruchsberechtigt sind. Häufig besteht Unklarheit darüber,

  • wer überhaupt pflichtteilsberechtigt ist,
  • wie hoch der Pflichtteil ist,
  • welche Auskunftsansprüche bestehen,
  • wie man den Anspruch korrekt geltend macht.

Diese Unsicherheit führt dazu, dass Ansprüche nicht verfolgt werden – manchmal sogar so lange, bis die Verjährung droht.

Scham, finanzielle Ansprüche innerhalb der Familie zu stellen

In vielen Familien gilt Geld als ein Tabuthema. Besonders nach einem Todesfall empfinden viele es als unangenehm, über Vermögenswerte, Immobilien oder Kontostände zu sprechen.

Daraus entsteht ein moralischer Konflikt:
Man möchte das Verhältnis zur Familie nicht belasten, gleichzeitig steht einem der Pflichtteil objektiv zu.

Fachanwälte erleben häufig, dass Betroffene erst sehr spät – manchmal Jahre nach dem Todesfall – juristische Beratung suchen, weil sie sich schlicht nicht trauten, früher aktiv zu werden.

Druck durch andere Erben

Nicht selten entsteht Druck aus der eigenen Familie.
Erben oder Miterben versuchen mitunter,

  • Pflichtteilsberechtigte „abzuwimmeln“,
  • Zahlungen hinauszuzögern,
  • Angst vor hohen Kosten zu schüren,
  • die Komplexität des Verfahrens zu betonen.

Manchmal wird sogar behauptet, dass der Anspruch „nicht der letzte Wille“ gewesen sei – obwohl der Pflichtteil als gesetzlicher Mindestanspruch nicht einfach durch ein Testament aufgehoben werden kann.

Falsche Vorstellungen über Kosten und Aufwand

Viele Betroffene fürchten, dass die Geltendmachung des Pflichtteils teuer, aufwendig oder langwierig ist. Tatsächlich sind Pflichtteilsansprüche gut strukturiert und klar geregelt. Mit anwaltlicher Unterstützung lassen sich

  • Auskunftsansprüche durchsetzen,
  • Nachlasswerte korrekt ermitteln,
  • Pflichtteilsquoten berechnen,
  • Ansprüche außergerichtlich verhandeln.

In vielen Fällen lässt sich eine einvernehmliche Lösung finden, ohne dass ein Gerichtsverfahren notwendig wird.

Der Pflichtteil ist keine Respektlosigkeit – er ist ein gesetzlicher Anspruch

Der wichtigste Punkt:
Der Pflichtteil ist kein Angriff auf den Erblasser oder die Familie. Er ist ein Schutzmechanismus des Gesetzgebers, damit Kinder, Ehepartner und in bestimmten Fällen Eltern wirtschaftlich nicht schutzlos gestellt werden.

Wer seinen Pflichtteil geltend macht,

  • handelt rechtlich korrekt,
  • wahrt seine eigenen Interessen,
  • sorgt für Fairness und Transparenz im Nachlass.

Es geht nicht um Streit – sondern um berechtigte Vermögensansprüche.

Wer seinen Pflichtteil fordert, handelt verantwortungsbewusst

Der Pflichtteil ist nicht nur ein Recht, sondern oft auch ein wichtiger Schritt zur eigenen finanziellen Sicherheit. Trotz emotionaler Hürden und möglicher Konflikte sollte niemand davor zurückschrecken, das einzufordern, was ihm gesetzlich zusteht.

Professionelle anwaltliche Beratung kann helfen, den Prozess sachlich, strukturiert und konfliktarm zu gestalten – und gleichzeitig Ihre Rechte umfassend zu schützen.

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